Im Mai dieses Jahres hat das Bundeskabinett das neue Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) beschlossen. Es hebt faktisch das Verbot für rein fossil betriebene Gas- und Ölheizungen auf und erlaubt den Einbau von klassischen Öl- und Gasbrennern auch weit nach dem Jahr 2040.
Wesentlicher Kern des rund 170 Seiten umfassenden Gesetzesentwurfs ist die vielbeschworene „Technologieoffenheit“ beim Heizungstausch im Gebäudebestand. Während das als „Heizungsgesetz“ berüchtigte Gebäudeenergiegesetz (GEG) der Ampel-Koalition den Fokus beim Austausch noch eindeutig auf die hocheffiziente, elektrisch betriebene Wärmepumpe legte (und als fossile Übergangslösung maximal eine „H2-Ready“-zertifizierte Gasheizung vorsah), ist die pauschale 65-Prozent-Vorgabe für erneuerbare Energien beim Einbau einer neuen Heizanlage nun komplett entfallen.
Das neue Gesetz fordert zwar auf dem Papier weiterhin den schrittweisen Umstieg auf eine CO₂-neutrale Beheizung. Allerdings wählt es dafür einen weitaus komplizierteren, bürokratischeren und für die Verbraucher mit hoher Wahrscheinlichkeit auch sehr viel teureren Weg. Eine Kette von umständlichen Übergangslösungen soll es richten. Zum Beispiel:
§ 43
Einbau einer Heizungsanlage, die mit Gas, Heizöl oder Flüssiggas beschickt wird
Quelle: Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Gebäudeenergiegesetzes, zur Änderung des Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetzes und zur Änderung weiterer Vorschriften im Wärmebereich
(1) Wird eine Heizungsanlage, die mit Gas, Heizöl oder Flüssiggas beschickt wird, nach dem … [einsetzen: Datum des Inkrafttretens nach Artikel 9 Absatz 1] in ein bestehendes Gebäude neu eingebaut, hat der Eigentümer des Gebäudes sicherzustellen, dass ab dem 1. Januar 2029 mindestens 10 Prozent, ab dem 1. Januar 2030 mindestens 15 Prozent, ab dem 1. Januar 2035 mindestens 30 Prozent und ab dem 1. Januar
2040 mindestens 60 Prozent der mit der Anlage bereitgestellten Wärme aus Biomethan, Bioöl, biogenem Flüssiggas, grünem, blauem, orangenem oder türkisem Wasserstoff einschließlich daraus hergestellter Derivate erzeugt wird.
Man beachte die schillernde Farbpalette der Wasserstoffarten, die allesamt in hochkomplexen, energieintensiven Verfahren hergestellt werden müssen. Nach Ansicht der schwarz-roten Bundesregierung ist das offenbar „das Beste aus allen Energiewelten“ und ein genialer ordnungspolitischer Coup. Schaut man sich jedoch die physikalischen Wirkungsgrade bei der Herstellung dieser verschiedenen Gas- und Ölsubstitute an, kann man sich nur an den Kopf fassen.
Allein dieser eine Absatz zeigt, wie sehr sich die Politik verbiegen muss, um die Klimaziele mathematisch schönzurechnen, ohne den Wählern wehzutun. Wie unglaublich kompliziert sich diese Regelung in der Realität auswirken wird, lässt sich leicht erahnen. Hand aufs Herz: Hast Du beim ersten Durchlesen dieses Paragraphen sofort erkannt, was das für Deinen nächsten Heizungskauf bedeutet und wann Du welche Quote erfüllen mußt?
Offiziell hält die Bundesregierung übrigens an den nationalen Klimazielen fest: Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Das gilt theoretisch auch für den Gebäudesektor.
Kompromisslose Transformation beim Neubau
Während der Altbaubestand geschont werden soll, zieht die Politik im Neubau die Daumenschrauben drastisch an. Hier wird sich mancher Bauherr von morgen das alte Habeck-Gesetz sehnsüchtig zurückwünschen. Spätestens ab 2030 muss jedes neu errichtete Wohngebäude den strengen Standard eines Nullemissionshauses erfüllen.
Zudem wird die Bürokratie ausgeweitet: Beim Energieausweis müssen ab 2030 die Treibhausgasemissionen eines Gebäudes über den gesamten Lebenszyklus lückenlos aufgeschlüsselt werden. Das umfasst die Herstellung der Baustoffe (graue Energie!), den eigentlichen Bauprozess, die jahrzehntelange Nutzung und am Ende sogar den Rückbau samt Recycling.
Der Entwurf hat das Kabinett passiert und durchläuft nun das parlamentarische Verfahren. Man darf sich auf hitzige Debatten im Bundestag einstellen. Denn trotz der enormen Detailtiefe des 170-Seiten-Papiers bleiben die entscheidenden Fragen der Bürger unbeantwortet.
Was bedeutet das jetzt für Heidi Heizöl und Erwin Erdgas?
Dank der neuen „Technologieoffenheit“ können unsere beiden fiktiven Eigenheimbesitzer im Bestand ihr Lieblingsmodell völlig frei wählen. Heidi kauft sich eine nagelneue Ölheizung und labt sich am Duft der leicht rot glänzenden Flüssigkeit, während Erwin sich mächtig auf seinen hochmodernen Gas-Blaubrenner freut. Die Geräte werden pünktlich im Sommer 2028 von fleißigen Handwerkern montiert. „Die Entsorgung der Altkessel geht aufs Haus, das haben wir schon immer so gemacht, gell Heidi?“
Doch mitten im Winter, genauer gesagt am 1. Januar 2029, holt die Realität die beiden ein. Sie betreten die erste Stufe der Bio-Treppe: Ab jetzt müssen sie verpflichtend 10 % Bio-Heizöl oder Biomethan verbrennen. Keine Sorge, Heidi muss dafür nicht palettenweise Sonnenblumenöl im Discounter horten und Erwin muss auch nicht die Methan-Ausstoßungen der Nachbarskuh einfangen. Das erledigen die Heizöllieferanten und Gasanbieter im Rahmen ihrer gesetzlichen Beimischungsquote – selbstverständlich gegen eine „geringe“ Servicegebühr auf den Arbeitspreis.
Nur ein Jahr später, am 1. Januar 2030, klettern die beiden auf die zweite Stufe: Der Bio-Anteil steigt auf 15 %. In den darauffolgenden Jahren geht das munter so weiter, bis schließlich im Jahr 2040 stramme 60 % grüne Brennstoffe durch die Düsen gejagt werden müssen. Die Heizung läuft zu diesem Zeitpunkt ja noch tadellos.
Und im Jahr 2045? Die Heizung ist gerade einmal 17 Jahre alt und im besten Alter, da schlägt die Stunde der Wahrheit: Es gilt die Netto-Null. 100 % grüne Bio-Brennstoffe sind Pflicht.
Ein dreifaches Hoch auf die vorausschauende Politik der späten 2020er Jahre! Wir erinnern uns: Im Jahr 2027 war es der Wirtschaftsministerin Katharina Reiche gelungen, den Ausbau der heimischen Wind- und Solaranlagen fast vollständig zum Erliegen zu bringen. Deshalb importieren wir das farbenfrohe Wasserstoffgas und die synthetischen E-Fuels heute teuer aus Saudi-Arabien, Nordafrika oder China. Dort scheint schließlich zuverlässiger die Sonne. Dass die Produktion von E-Fuels Unmengen an Strom verschlingt und der Import den Literpreis für synthetisches Heizöl auf weit über 3 Euro treibt, stört niemanden mehr – an astronomische Energiepreise wurden die Deutschen schließlich schon Ende der 2020er gewöhnt. Hauptsache, wir importieren weiter fleißig Energie. Das haben wir schließlich schon immer so gemacht!
Die schwarz-rote Koalition setzt die wirtschaftliche Existenz aufs Spiel
Zugegeben, bei Heidi und Erwin habe ich satirisch ein wenig auf den Putz gehauen. Doch der Kern ist bitterer Ernst: Das wirtschaftliche Risiko für Hausbesitzer ist gigantisch. Es ist aus heutiger Sicht völlig utopisch vorherzusagen, woher wir die benötigten Mengen an klimaneutralen Brennstoffen zu bezahlbaren Preisen importieren wollen, von selbst herstellen gehe ich bei den benötigten Mengen gar nicht erst aus.
Das Gesetz wälzt das Beschaffungsrisiko einfach auf die Energieversorger und Brennstofflieferanten ab. Diese müssen entsprechende Tarife anbieten. Doch die physikalische und logistische Realität der verschiedenen grünen Brennstoffe spricht eine ganz andere Sprache:
| Brennstoff-Art | Heutige Herstellung | Das Problem der Zukunft |
|---|---|---|
| Bio-Heizöl (FAME/HVO) | Wird meist aus Altspeiseöl oder pflanzlichen Ölen (z. B. Raps) raffiniert. | Begrenzte Rohstoffe. Es gibt weltweit schlicht nicht genug Frittenfett, um Millionen Heizungen zu versorgen. Pflanzenöle konkurrieren zudem mit dem Teller (Nahrungsmittel). |
| E-Fuels (Synthetisches Öl) | Strom aus Erneuerbaren spaltet Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Der Wasserstoff wird mit CO₂ zu flüssigem Kraftstoff gekoppelt. | Extremer Wirkungsgrad-Verlust. Man braucht etwa 5-mal so viel Strom, um ein Haus mit E-Fuels zu heizen wie mit einer Wärmepumpe. Extrem teuer in der Herstellung. |
| Biomethan (für Gasheizungen) | Vergärung von Biomasse (Gülle, Abfälle, Energiepflanzen). | Flächenbegrenzung. Inländische Kapazitäten reichen laut Experten (wie der dena1) kaum aus, um im Winter die Spitzenlasten des gesamten deutschen Bestands zu decken. |
Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein
Die scheinbare „Technologieoffenheit“ der Bio-Treppe nimmt den Bürgern zwar kurzfristig die Angst vor einem akuten Heizungsverbot, bürdet ihnen jedoch ein unkalkulierbares, langfristiges Preisrisiko auf.
Da grüne Brennstoffe extrem knapp bleiben und zeitgleich von der Industrie, dem Verkehr und der Luftfahrt dringend benötigt werden, wird der Markt die Preise in den 2030er Jahren massiv nach oben treiben. Flankiert wird diese Entwicklung durch den planmäßig und unaufhaltsam steigenden CO2-Preis auf den verbleibenden fossilen Anteil (der immerhin noch 40 bis 85 % des verfeuerten Brennstoffs ausmacht).
Heidi und Erwin dürfen sich also heute freuen, dass sie wieder eine klassische Verbrennungsheizung kaufen dürfen – ob sie sich den Betrieb im Jahr 2040 überhaupt noch leisten können, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Mieter bezahlen die Zeche
Für Menschen ohne Wohneigentum sieht die Lage sogar noch düsterer aus. In Mietshäusern entscheidet allein der Vermieter über das Heizsystem. Wählt dieser den scheinbar günstigen Weg einer fossilen Gas- oder Ölheizung, wird das für die Mieter zur Kostenfalle.
Zwar sieht der Entwurf vor, dass die anfallenden CO2-Kosten sowie die saftigen Preisaufschläge für die beigemischten Öko-Brennstoffe hälftig zwischen Vermieter und Mieter aufgeteilt werden müssen. Dennoch trifft die verbleibende Hälfte die Mieter existenziell – zumal sie, anders als gewerbliche Vermieter, diese zusätzlichen privaten Lebenshaltungskosten nicht steuerlich als Betriebsausgaben geltend machen können.
Der Wirkungsgrad dieses Gesetzes tendiert stark gegen Null
Unmengen an Papier, endlose Debatten um des Kaisers Bart und wertvolle verlorene Jahre: Das ist das ernüchternde Ergebnis dieser vermeintlichen Reform. Eine zukunftsorientierte, verlässliche Wirtschaftspolitik sieht anders aus. Anstatt der Industrie, dem Handwerk und den Bürgern klare, unmissverständliche Ziele aufzuzeigen, regiert die Koalition im mutlosen „Pepita-Modus“ – ein ständiges, kleinkariertes Hin und Her, ohne echten Blick nach vorn.
Nicht umsonst hagelt es von allen Seiten vernichtende Kritik:
- Die Umwelt- und Klimaschutzverbände beklagen eine riesige, absehbare CO2-Minderungslücke und halten das Erreichen der Klimaneutralität im Gebäudesektor bis 2045 mit diesem Gesetz für schlicht ausgeschlossen.
- Die Gasnetzbetreiber schlagen Alarm und signalisieren offen, dass in vielen Regionen Deutschlands niemals ausreichend grüner Wasserstoff flächendeckend ankommen wird, um private Haushalte zu versorgen. Die Netze stehen vor dem Rückbau. Wie akut dieses Problem ist, zeigt sich bereits in der Praxis: Erste deutsche Kommunen wie Mannheim planen bereits die konkrete Stilllegung und den Rückbau ihrer Gasnetze bis zum Jahr 2035, da ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb für wenige verbleibende Gaskunden utopisch ist.
- Die Industrie- und Handwerksverbände sind zutiefst desillusioniert. Sie beklagen den ständigen Zickzack-Kurs der Gesetzgebung, der als massive Investitionsbremse wirkt. Kein Handwerksbetrieb und kein Hersteller kann sich mehr strategisch auf eine Technologie ausrichten. Die Kunden verharren in tiefer Kaufzurückhaltung, weil niemand mehr weiß, welche Lösung in fünf Jahren noch bezahlbar ist. Zudem warnen die Wirtschaftsverbände vor der „immanenten Rechtsunsicherheit“ der Grüngasquote: Liefert der Versorger nicht die gesetzliche Quote, haftet im Zweifel der Endverbraucher. Eine völlig unzumutbare Risikoverschiebung.
Das Dilemma des GModG
Die Politik hat krampfhaft versucht, den Menschen die Angst vor dem „Heizungshammer“ zu nehmen. Doch die Experten entlarven das Gesetz parteiübergreifend als Mogelpackung. Während die ökologische Seite den fatalen Schaden für das Klima anprangert, warnt die wirtschaftliche Seite vor einer gigantischen Kosten- und Bürokratiefalle, sobald die Bio-Treppe ab 2029 unerbittlich greift.
Dabei könnte der Weg so einfach und geradlinig sein: Der konsequente und beschleunigte Ausbau der erneuerbaren Energien, gepaart mit dezentralen Akkuspeichern zur Netzstabilisierung. Mit einer vorausschauenden Infrastrukturpolitik wären Smart-Meter und dynamische Stromtarife längst flächendeckender Standard. Netzbetreiber könnten so ein netzdienliches Verbrauchsverhalten aktiv belohnen.
Doch seit Jahrzehnten eiert die deutsche Politik lieber herum, verlagert unbequeme Entscheidungen in die nächste Legislaturperiode und beschließt im Kern: nichts.
Ich warte jetzt auf die Rufe nach der Atomkraft – natürlich nur, um damit „CO2 neutralen“, rosa Wasserstoff für Erwins Heizung herstellen zu können.
Liebe Bundesregierung! Vielen Dank für Nix!
- DENA – Deutsche Energie Argentur ↩︎

