Ich fahre seit 2012 Autos mit elektrischem Antrieb. Zuerst einen Opel Ampera mit sogenanntem Range-Extender, und seit 2016 reine batterieelektrische Fahrzeuge, sogenannte BEVs (Battery Electric Vehicles).
Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich in den letzten Jahren gefragt wurde, ob sich ein E-Auto überhaupt rechnet. Klar, unberechtigt ist die Frage nicht. Bis heute sind Elektroautos in der Anschaffung oft um einiges teurer als fossil betriebene PKW. Gleichzeitig sind sie heute aber nichts Besonderes mehr: Die E-Mobilität ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Anders kann man die Entwicklung der Zulassungszahlen in den letzten Jahren und speziell in den letzten Monaten nicht deuten.

Bevor ich die Frage als E-Auto Fahrer mit einem einfachen „…ja, es lohnt sich.“ beantworte, machen wir das im Stil dieses Blogs und analysieren und rechnen ein wenig. Ohne jede Emotion, rein faktenbasiert.
Was vergleichen wir? Die Rahmenbedingungen
Um das Ganze anschaulich zu machen, vergleiche ich zwei beliebte Mittelklasse-Fahrzeuge miteinander. Als Vertreter der Verbrenner-Fraktion tritt der VW Tiguan an – ein echter Bestseller unter den Familienautos. Sein Gegenspieler aus der Elektrowelt ist der VW ID.4, eines der meistverkauften Elektroautos Deutschlands.
Für unsere Berechnung gehen wir von folgenden realistischen Annahmen aus:
- Haltedauer: 10 Jahre
- Jährliche Fahrleistung: 15.000 Kilometer (insgesamt 150.000 km)
Kostenfaktor Wertverlust
Der Wertverlust ist der größte Kostenfaktor beim Autokauf überhaupt. Gefühlt ist der Wagen nur noch die Hälfte wert, sobald die eigenen Nummernschilder drangeschraubt sind.
Versucht man, die Ausstattung so vergleichbar wie möglich zu halten, liegt der Einstiegspreis für beide Modelle bei rund 45.000 €. Das E-Auto ist im Einstieg also nicht mehr deutlich teurer. Schaut man genauer hin, kann es durch Hersteller-Umweltprämien oder gezielte Förderungen der Bundesregierung sogar vorkommen, dass die Elektro-Variante im direkten Vergleich leicht günstiger abschneidet.
Grundsätzlich geht die Branche bei Elektroautos derzeit noch von einem etwas höheren Wertverlust aus als bei Verbrennern. Die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) beziffert den Wertverlust eines Verbrenners nach drei Jahren auf rund 44 %, während Fachleute bei Elektroautos von etwa 48 % ausgehen.
Wie hoch der exakte Restwert unserer beiden Probanden nach 10 Jahren sein wird, kann auch meine Glaskugel nicht vorhersagen. Aber wir können die Faktoren analysieren, die den Wertverlust bis 2036 maßgeblich beeinflussen werden:
Beim Elektroauto (BEV) entscheiden vor allem:
- Der Batteriezustand (State of Health, SOH): Volkswagen und die meisten anderen Hersteller geben eine Garantie von 8 Jahren oder 160.000 km auf den Akku. Nach 10 Jahren ist diese Garantie abgelaufen. Ein unabhängiges SOH-Zertifikat wird beim Wiederverkauf daher zur Pflicht.
- Der technologische Wandel: Die Entwicklung bei E-Autos schreitet rasant voran. Reichweiten steigen, Ladezeiten sinken. Unser ID.4 könnte in 10 Jahren optisch und technologisch „veralteter“ wirken als ein etablierter Verbrenner.
Beim Verbrenner (ICE) sieht es allerdings nicht besser aus:
- Schrumpfender Markt: Im Jahr 2036 könnten Verbrenner auf dem deutschen Gebrauchtwagenmarkt ein Schattendasein fristen. Die Treibstoffpreise werden hoch und Umweltauflagen für viele kaum noch bezahlbar sein.
- Infrastruktur-Rückbau: Tankstellenbetreiber leben von der Masse. Mit sinkender Zahl an Verbrennern wird sich vor allem im ländlichen Raum das Tankstellennetz spürbar ausdünnen.
- Lokale Fahrverbote: Immer mehr Ballungszentren werden zu „Null-Emissions-Zonen“ und sperren fossile Antriebe konsequent aus.
Restwert-Prognose in der Übersicht
| Faktor bis 2036 | Verbrenner (ICE) | Elektroauto (BEV) |
|---|---|---|
| Käuferkreis | schrumpfend (hauptsächlich Pendler ohne Lademöglichkeit, Export) | wachsend (etablierter Mainstream Gebrauchtwagenmarkt) |
| Unterhaltskosten | sehr hoch (getrieben durch CO2 Abgaben) | Stabil bis günstig (etablierte Stromtarife / eigene PV-Anlage) |
| Wiederverkaufsrisiko | Hoch (politisches Risiko, Imagewandel, drohende Fahrverbote) | Moderat (technologisches Risiko: Reichweite & Ladeleistung der älteren Generation) |
Steuer und Versicherung
Bei der Kfz-Steuer punktet das E-Auto auf ganzer Linie: Reine Elektroautos sind ab Neuzulassung für 10 Jahre komplett von der Steuer befreit. Für den Tiguan hingegen werden – je nach genauer Motorisierung – jährlich etwa 150 € bis 250 € fällig.
Bei der Kfz-Versicherung sieht es etwas anders aus. Entscheidend ist hier die Typklasse. Aufgrund der potenziell höheren Reparaturkosten (insbesondere bei Beschädigungen des Akkus) ist der VW ID.4 in einer höheren Typklasse eingestuft. In der Vollkaskoversicherung ist er dadurch im Schnitt etwa 200 € bis 300 € teurer als der Tiguan.
Das Ergebnis in dieser Kategorie: Unentschieden. Die Steuerersparnis des E-Autos wird durch die höheren Versicherungskosten der Vollkasko weitgehend neutralisiert.
Die Betriebskosten: Strom vs. Sprit – und der ETS2-Effekt ab 2027
Hier schlägt die Stunde der Wahrheit für das Elektroauto. Der Wirkungsgrad eines Elektromotors liegt bei über 90 %, während ein moderner Verbrenner nur mickrige 30 % bis 40 % der Energie in Vortrieb umwandelt. Satte 60 % bis 70 % verpuffen ungenutzt als Wärme. Das schlägt sich direkt im Geldbeutel nieder – und zwar in Zukunft heftiger denn je.
Wer heute einen Verbrenner kauft und plant, ihn 10 Jahre zu fahren, darf nicht mit den heutigen Spritpreisen kalkulieren. Ab 2027 greift der neue EU-Emissionshandel (ETS2) für den Verkehrssektor. Da die CO₂-Zertifikate künftig am freien Markt gehandelt und von der EU künstlich verknappt werden, prognostizieren Experten für 2030 CO₂-Preise von 120 € bis zu 200 € pro Tonne. An der Zapfsäule bedeutet das eine Preissteigerung allein durch den CO₂-Aufschlag von 35 bis über 50 Cent pro Liter. Ein realistischer Durchschnittspreis für Super-Benzin über die nächsten 10 Jahre liegt daher eher bei konservativ geschätzten 2,15 € pro Liter.
Rechnen wir das auf eine jährliche Fahrleistung von 15.000 Kilometern hoch:
- VW Tiguan: Bei einem Praxisverbrauch von ca. 7,5 Litern Super auf 100 km und einem gemittelten Preis von 2,15 € kostet der Kraftstoff 161,25 € pro 1.000 km. Auf das Jahr hochgerechnet sind das 2.418,75 €. Über die gesamte Haltedauer von 10 Jahren fließen so 24.187,50 € allein in den Tank.
- VW ID.4: Ein realistischer Praxisverbrauch liegt bei ca. 21 kWh (inkl. Ladeverlusten). Während die Spritpreise durch den CO₂-Handel unaufhaltsam steigen, zeigt der Trend beim Strom in die entgegengesetzte Richtung. Das renommierte Kopernikus-Projekt Ariadne prognostiziert in seinen aktuellen Energiesystem-Modellierungen, dass der Haushaltsstrompreis durch den massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien bis 2030 auf deutlich unter 30 Cent pro kWh sinken wird (langfristig sogar Richtung 25 Cent Quelle: https://www.zfk.de). Setzen wir für die kommenden 10 Jahre im Mittel einen konservativen Preis von 30 Cent pro kWh an, zahlen wir 63,00 € pro 1.000 km. Das macht 945,00 € im Jahr oder 9450,00 € in 10 Jahren.2
| Fahrzeug | Durchschnittlicher Verbrauch | Gesamtkosten (10 Jahre, 150.000 km) |
|---|---|---|
| Tiguan | 7,5 Liter x 2,15 €/l | 24.187,50 € |
| VW ID.4 | 21 kWh x 0,30 €/kWh | 9450,00€ |
Mit dem Elektroauto sparst du über die Haltedauer von 10 Jahren rechnerisch 14.737,50 € allein an Treibstoffkosten.
Wichtige Einschränkung: Diese Rechnung geht voll auf, wenn du zu Hause oder beim Arbeitgeber an der Wallbox für 0,30 €/kWh laden kannst. Wenn du vollständig auf die öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen bist, sieht die Rechnung etwas anders aus. Die Tarife der verschiedenen Anbieter schwanken aktuell stark zwischen 0,35 € und 0,89 € pro kWh. Nehmen wir einen realistischen öffentlichen Mischpreis von 0,58 € pro kWh an, belaufen sich die Energiekosten für den VW ID.4 auf 18.270,00 € über 10 Jahre. Selbst in diesem Szenario sparst du gegenüber dem Verbrenner immer noch 5.917,50 €.
Wartung und Inspektionen
Ein Verbrennungsmotor samt Getriebe und Abgasanlage ist ein hochkomplexes Gebilde mit über 2.000 Einzelteilen, die zum Teil extremen mechanischen und thermischen Belastungen ausgesetzt sind. Vor allem die aufwendige Abgasreinigung moderner Verbrenner kann im Alter teure Defekte verursachen.
Ein Elektroauto ist dagegen denkbar simpel aufgebaut: Elektromotor, Leistungselektronik und ein einfaches Ein-Gang-Getriebe. Es gibt keine Zündkerzen, keinen Ölwechsel, keinen Zahnriemen und keinen Auspuff. Die Liste der Verschleißteile ist extrem kurz.
Das spiegelt sich auch in den Wartungsintervallen wider:
- Der VW Tiguan verlangt jährlich (oder alle 15.000 km) nach einer kleinen Inspektion (ca. 150 €). Alle zwei Jahre steht der große Service an, der mit Bremsflüssigkeitswechsel und Zusatzarbeiten schnell 500 € bis 800 € kostet. Mit zunehmendem Alter kommen teure Posten wie der Zahnriemenwechsel hinzu, die die Rechnung locker über die 1.000-Euro-Marke treiben.
- Der VW ID.4 hat deutlich entspanntere Intervalle. Der Service ist generell nur alle zwei Jahre fällig – völlig unabhängig von der Laufleistung. Die Kosten liegen meist zwischen 200 € und 300 €. Da im Wesentlichen nur der Innenraumfilter und die Bremsflüssigkeit getauscht werden und ansonsten eine Sichtprüfung stattfindet, ist das zwar kein Schnäppchen, aber kalkulierbar günstig.
Ein riesiger Pluspunkt beim E-Auto ist der Bremsenverschleiß: Da das Fahrzeug beim Rollen primär über den Elektromotor bremst (Rekuperation) und dabei Energie zurückgewinnt, werden die mechanischen Bremsen geschont. Bremsscheiben und -beläge halten oft weit über 100.000 Kilometer.
Ersparnis beim Service: Das Elektroauto spart dir im Schnitt 150 € bis 250 € pro Jahr an Werkstattkosten.
Und was ist mit der staatlichen Förderung und der THG-Prämie?
An dieser Stelle müssen wir zwei wichtige Faktoren einbeziehen, die die Anschaffungs- und Betriebskosten des Elektroautos maßgeblich beeinflussen:
- Die Förderung beim Kauf: Unter „Wer bekommt wie viel Geld fürs E-Auto? “ zeige ich dir das aktuelle Förderprogramm der Bundesregierung. Was musst Du beachten, was wird gefördert.
- Die THG-Prämie (Treibhausgasminderungsquote): Wie du als E-Autofahrer jährlich bares Geld für dein eingespartes CO₂ erhältst, habe ich in dem Artikel „So funktioniert die THG-Prämie 2026“ für dich aufgeschrieben.
Fazit der Basis-Analyse: Lohnt es sich nun?
Betrachten wir die nackten Zahlen der Gesamtkosten (TCO) über eine Laufzeit von 10 Jahren, lautet die Antwort: Ja, das Elektroauto rechnet sich in der Mittelklasse fast immer. Voraussetzung ist lediglich, dass das persönliche Fahrprofil zu den kalkulierten Kilometern passt und eine verlässliche Lademöglichkeit (idealerweise zu Hause oder beim Arbeitgeber) zur Verfügung steht. Der eventuell geringfügig höhere Anschaffungspreis des VW ID.4 wird durch die massiven Einsparungen beim Laden (Strom vs. Benzin), den Wegfall der Kfz-Steuer und die spürbar geringeren Wartungskosten im Laufe der Jahre nicht nur ausgeglichen, sondern überkompensiert.
Auch das Risiko eines niedrigeren Restwerts nach 10 Jahren verliert an Schrecken: Das E-Auto hat seine Anschaffungskosten über die eingesparten Betriebskosten bis dahin längst wieder eingespielt.
Wer unvoreingenommen und rein ideologiefrei nachrechnet, stellt fest: Effizienz gewinnt am Ende auch an der Ladestation.
